Städtische Oberrealschule
Städtische Oberrealschule
Dr. Georg Raederscheidt
Dr. Georg Raederscheidt
OB Franz Gielen
OB Franz Gielen
Der Männergesangsverein singt bei der Eröffnungsfeier 1919
Der Männergesangsverein singt bei der Eröffnungsfeier 1919
Casimir Weisweiler
Casimir Weisweiler
Dr. Wilhelm Ewald
Dr. Wilhelm Ewald
Rathaus ca. 1919
Rathaus ca. 1919

100 Jahre VHS - am 26.09.2019 wird im RomaNEum das Jubiläum gefeiert.


„Das Volksbildungswesen, einschließlich der Volkshochschulen, soll von Reich, Ländern und Gemeinden gefördert werden.“ So lautet §148, Absatz 4 der Weimarer Verfassung von 1919, durch den die Weiterbildung zum ersten Mal Verfassungsrang erhält. Noch in gleichen Jahr wird in Neuss die VHS gegründet.

Gründung

„Das Volksbildungswesen, einschließlich der Volkshochschulen, soll von Reich, Ländern und Gemeinden gefördert werden.“ So lautet §148, Absatz 4 der Weimarer Verfassung von 1919, durch den die Weiterbildung zum ersten Male Verfassungsrang erhält. Eindringlich mahnt der damalige preußische Bildungsminister Konrad Haenisch, die Volkshochschulen mögen helfen, das geistige Band zwischen allen Volksteilen wieder fest zu knüpfen und verlorenes Verständnis für gemeinsame Arbeitswerte wieder zu erobern. Sein Ministerium hoffe, „daß die deutsche Volkshochschule als freie Volksbewegung zu ihrem Teil beitragen wird zur Wiedergeburt unseres Volkes.“ Und so gründen sich deutschlandweit immer mehr Volkshochschulen.

Friedrich Georg Raederscheidt – Gründer der Volkshochschule Neuss

Friedrich Georg Raederscheidt ist 27 Jahre alt, als er 1910 Oberlehrer an der Städtische Oberrealschule in Neuss wird. Als 1919 in ganz Deutschland Volkshochschulen gegründet werden, ist er es, der mit viel Energie und großer Überzeugungskraft den Oberbürgermeister Franz Gielen und den Rat der Stadt Neuss davon überzeugt, auch in der Handels- und Industriestadt Neuss eine Volkshochschule zu gründen. Einer Stadt, die durch die belgische Besatzung von den Bildungsangeboten der anderen Städte abgeschnitten ist, und dies in einer Zeit, als „die Bildungsfrage eine der wichtigsten und die Allgemeinheit interessierenden Fragen der Zeit und Zukunft ist.“ Erster Direktor der neugegründeten Volkshochschule wird Raederscheidt.

 

Die Oberrealschule Neuss – Heimat der Volkshochschule

Mit ihren zahlreichen Unterrichtsräumen und der großen Aula bietet die Städtische Oberrealschule der Stadt Neuss, gegründet 1904, ideale Voraussetzungen als Veranstaltungsort für die Kurse der neugegründeten Volkshochschule. Zentral gelegen an der Schwannstraße / Ecke Tückingstraße, wo heute die Janusz-Korczak-Gesamtschule steht, finden in den Unterrichtsräumen Vorträge in Chemie, Geschichte oder Hygiene statt, in der Aula Kammer- und Volksmusikkonzerte – oft zwei Vorstellungen pro Tag, da die Aula sich schnell als zu klein erweist.

 

Eröffnung und erstes Programm

Am Sonntag den 19.10.1919 wird vormittags um 11.30 Uhr in der Aula der Oberrealschule die Volkshochschule Neuss feierlich eröffnet. Begleitet von Darbietungen des Städtischen Männergesangsvereins und des Damechors, betont der Neusser Oberbürgermeister Gielen den sozialen, staatsbürgerlichen, wirtschaftlichen und bildungsfreundlichen Zweck der neugegründeten Institution. Der Dank gelte besonders dem Schöpfer der Schule, Herrn Oberlehrer Raederscheidt. Dieser übergibt der Öffentlichkeit das erste Vorlesungsverzeichnis, in dem 48 Kursreihen und zahlreiche Fachkurse angeboten werden. Von nun an können sich die bildungshungrigen Neusser über das soziale Leben der Naturvölker, Fortpflanzung und Vererbung, Gesundheitslehre für Frauen und Mädchen oder die Bedeutung des Altertums für die Gegenwart informieren.

 

Große Namen in der Provinz

Besteht der größte Teil der Dozenten aus den ersten Jahren der Neusser Volkshochschule aus lokalen Lehrkräften wie Casimir Weisweiler, so gibt es auch Dozenten, die über die Stadtgrenzen hinaus Rang und Namen hatten. Der Kölner Arzt, Theaterkritiker und Dramaturg an den Städtischen Bühnen Kölns, Sascha Simchowitz, liest den Faust. Der Düsseldorfer Schauspieler Peter Esser, promovierter Jurist, Lehrer von Gustav Gründgens und 1923 als Thomas Buddenbrook in der ersten, noch stummen, Verfilmung des Thomas-Mann-Romans zu sehen, liest mit großem Erfolg aus Werken Stefan Georges, Höderlins, Nietzsches und der Bibel. Und mit Dr. Paul Honigsheim, dem späteren Leiter der Kölner Volkshochschule, welcher 1933 vor den Nazis flieht und als Sozialwissenschaftler internationale Karriere macht, werden die Neusser in die Philosophie eingeführt.

 

Das vorläufige Ende

Der Erfolg der Volkshochschule Neuss ist nur von kurzer Dauer. Zwar hat sie 1919 über tausend eingeschriebene Hörer, doch bereits 1920 sinken die Hörerzahlen. Die Zahl der Stammhörer, so die NGZ, „ist für Neuß zu klein! Es fehlt der Einschlag der werktätigen Bevölkerung.“ Viele der angekündigten Vorlesungen kommen 1921/22 gar nicht erst zustande – zuletzt sind es nur noch Raederscheidt und der Direktor des Stadtmuseums, Dr. Ewald, die den Vorlesungsbetrieb aufrechterhalten. Und so stimmt der Rat der Stadt im November 1922 dem Sparvorschlag der Stadtverwaltung zu, die Volkshochschule zu schließen, da der jährliche Zuschuss von 300.000 Mark „im Hinblick auf die verhältnismäßige Besucherzahl“ nicht zu rechtfertigen ist. Auch der Vorsitzende der Zentrumsfraktion, Georg Raederscheidt, stimmt dem Vorschlag zu.

 

Ein Neubeginn

Nach dem 2. Weltkrieg sehen die Briten bereits im Oktober 1945 im Aufbau der Erwachsenenbildung ein probates Mittel zur "Reeducation": "Aber der deutsche Mensch soll auch wissen und erkennen, welches die geistigen, politischen und wirtschaftlichen Gründe des heutigen Zusammenbruchs waren."

Finden im Laufe des Jahres 1946 immer wieder Vorträge für ein erwachsenes Publikum statt, so beginnt im März 1947 der eigentliche Betrieb des Erwachsenenbildungswerkes, das zu Beginn rund 402 Teilnehmer hat und sich zur Volkshochschule Neuss in der heutigen Form entwickelt.

Deutschlandweit wurde das Jubliäum mit einem Festakt in der Frankfurtert Paulskirche gefeiert.

 

Im Deutschlandfunk diskutieren am 01.06.2019 Bettina Köster, Dr. Peter Brandt und Dr. Christoph Köck inwieweit die VHS Bildung für alle anbietet. Den Beitrag können Sie hier nachhören. 

 

 

 

 


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